Fußball und Psyche

Fußball und Psyche

„Geld verändert den Fußball? Na klar. Aber was leisten erst Emotionen! Mut! Glaube! Und Energie! Jürgen Klopp steht auch deshalb mit dem FC Liverpool kurz vor dem Einzug in das Finale der Champions League, weil er all das verkörpert wie kaum ein anderer … (damit) wird niemand bestreiten, dass Klopp der entscheidende Faktor ist – und schon oft war. Den Zweitligaverein Mainz hat er einst bis in die Europa League geführt, aus dem Mittelklasseverein Borussia Dortmund machte er einen ernstzunehmenden Rivalen des FC Bayern München, und Liverpool bringt er nun zurück auf die große Fußballbühne. Mit dem typischen Klopp-Fußball, der immer auf die selbstbestimmte Entscheidung aus ist und dabei Fehler toleriert.“

(Auszug aus dem FAZ-Artikel ‚Klopp im Wörterbuch Reiche Frauen ohne Geld‘ von Michael Wittershagen vom 28.4.2018)

Darüber zu schreiben, freue ich mich ganz besonders, ist der Fußball über all‘ die Jahre doch meine erste ‚Leidenschaft‘ geblieben und die Psyche immerhin zu einem ähnlichen Stellenwert in meinem Betrachtungsspektrum herangewachsen.

Weswegen sind die Worte von Michael Wittershagen ein so wunderbarer ‚Anpfiff‘ für diesen Beitrag? Weil er die Psyche und deren Bedeutung auf eine höhere Stufe stellt als den Geldeinsatz, wenn es um die Ursache für den Erfolg im Fußball geht. Und darin stimme ich mit ihm relativ betrachtet überein.

Wesentliche Teile der Psyche sind für mich Emotionen, wie sie weiter oben ‚ins Feld geführt werden‘, welche aus den Gefühlen von Liebe und Angst resultieren. Darüber hinaus gibt es noch die mentale oder kognitive Ebene, die über den Emotionen liegt.

Um Dir das leicht vereinfacht näher zu bringen, möchte ich mich nachfolgend auf die Gefühle konzentrieren. Sie sind die Wurzel der Psyche und somit unsere einzige ,Stellschraube‘ für nachhaltige Entwicklung bzw. Veränderung – auch und im besonderen im Fußball.

„LIEBE ist das einzige, was wächst, wenn wir es verschwenden“.

(R. Huch)

Genau und dafür steht auch Jürgen Klopp. Aus ihm sprüht die Liebe für den Fußball und den darin handelnden Menschen förmlich heraus. Wie lässt sich diese Liebe dabei besser erkennen als durch dessen Beschreibung, „… der immer auf die selbstbestimmte Entscheidung aus ist und dabei Fehler toleriert.“

Wäre das nicht etwas, das sich jeder Arbeitnehmer in welcher Branche auch immer als Postulat des Chefs wünschen würde?

Wenn wir davon sprechen, dass Jürgen Klopp ein besonders emotionaler Mensch am Spielfeldrand ist, dann meinen wir damit, dass er seinen Emotionen, sowohl denen aus der Liebe als auch denen aus der Angst heraus resultierend, weitestgehend freien Lauf lässt. Das ist das, was die Menschen an ihm lieben, weil er in der Regel eine Authentizität an den Tag legt, die ihresgleichen sucht. Den lieben Menschen – jemanden, der in nahezu jeder Situation und vor der geballten Öffentlichkeit in der Lage ist, Wort und Tat im Einklang mit den Gefühlen zum Ausdruck zu bringen. Seine Liebe für diese ’schönste Nebensache‘ der Welt ist so groß, dass sie ansteckend ist und dadurch automatisch wächst.

Wie agiert jedoch ein Trainer, dessen Liebesniveau offensichtlich nicht ganz auf dem von Jürgen Klopp angesiedelt ist, der relativ betrachtet allerdings trotzdem über Jahre hinweg einen unschätzbaren Erfolg vorzuweisen hat?

„Du musst als Trainer die ANGST in deiner Mannschaft bekämpfen“.

(Christian Streich, Fußballtrainer des SC Freiburg, ‚über seinen Job‘ geäußert während eines Interviews geführt von Toni Kroos, dem deutschen Weltmeister von Real Madrid, temporär in Aktion als Chefredakteur der SportBild in deren Ausgabe vom 21.2.2018)

Christian Streich, als der deutsche ‚Underdog‘-Trainer der letzten Jahre, liefert mir mit dem obigen Zitat förmlich eine ‚Steilvorlage‘, so dass ich als ehemaliger Spielmacher und Stürmer einfach nur noch ‚vollstrecken‘ bzw. ‚einnetzen‘ muss, um in der Fußballersprache zu bleiben.

Aber, weiß Christian Streich überhaupt, was er da sagt? Was passiert wirklich, wenn ich die Angst bekämpfe? Sie wird größer und größer. Warum? Weil ich ihr einfach mehr Energie spende, wenn ich gegen sie ankämpfe. ‚Ich gieße einfach zusätzliches Öl ins Feuer‘. Nein, das kann dieser begnadete Trainer und Menschenfreund nicht wirklich gemeint haben. Was aber meint er stattdessen? Was ist das Geheimnis seines Erfolgs? Nun, er ist sicher in der Lage, seiner Mannschaft einen Großteil ihrer Ängste zu ’nehmen‘! Das ist es. Welche Ängste sind das? Die Angst … vor dem Ball, vor dem Gegner, vor dem Erfolg, vor dem Misserfolg, vor Fehlern, vor dem Trainer, vor dem Manager …

Damit schafft Christian Streich etwas, das viele andere Kollegen trotz wesentlich mehr zur Verfügung stehender Ressourcen kaum in einer ähnlichen Weise hinbekommen. So sehr, dass sich selbst der große FC Bayern München mit dem Gedanken getragen hat, diesen Ausnahmetrainer zu verpflichten.

Solltest Du etwa gleichfalls so begeistert sein von diesem unserem Volkssport wie ich, dann kannst Du verstehen, dass mich am meisten fasziniert, wie sehr Christian Streich trotz begrenzter Mittel doch immer wieder seine Jungs Fußball spielen lässt und ihnen weniger beibringt, wie man ‚gegen‘ den Ball spielt. Das ist nämlich selbst bei vielen nationalen wie internationalen Spitzenvereinen zum geflügelten Wort geworden. Es geht weniger darum, wie ich mit dem Ball individuell und im Kollektiv so umgehe, dass ich einen erfolgreichen und schönen Fußball spiele, sondern das Diktat des Kommerz führt oft dazu, dass es wichtiger ist, wie ich das Umschaltspiel nach Balleroberung so gestalte, dass ich möglichst schnell zum Erfolg komme. Es geht kaum mehr um die Liebe zum Ball und zum Ballspiel, sondern um die Angst davor, ihn, den Ball, und das Spiel zu verlieren. Für mich als ehemalig ‚ballverliebter‘ Fußballer eine schier unfassbare Entwicklung.

Danke Dir, lieber Christian Streich, dass Du einer der wenigen Fußballlehrer bist, die hier dagegen halten und den ‚Ballbesitzfussball‘ propagieren.

Was passiert jedoch wirklich aus der Angst heraus? Welche Potenziale könnte ein Verein ausschöpfen, sollte er sich jemanden engagieren, der seinen Spielern hilft, ihre Ängste in Liebe umzuwandeln? Ja, dann würde das jeweils zur Verfügung stehende Kapital eine noch viel geringere Rolle spielen als das zur Zeit mehr und mehr der Fall ist. Das Beispiel Christian Streich und dessen Verein, der SC Freiburg, demonstrieren das Jahr für Jahr auf’s Neue.

Der Umgang mit der Angst bestimmt den Unterschied zwischen Erfolg und Misserfolg. Wieso ist das so?

Nun, wenn ich etwas aus purer Liebe heraus tue, dann gelingt es einfach. Werde ich jedoch von der Angst gesteuert, dann passieren Fehler über Fehler. Warum eigentlich? Weil eine zu starke Angst vor etwas dazu führt, dass sich genau das manifestiert, wovor ich Angst habe. So ähnlich ist das mit der Liebe. Wenn ich aus lauter Liebe zu diesem Fußballspiel mir in schönsten Bildern ausmale, wie schön es ist, in diesem Spiel zu glänzen und Erfolg zu haben, dann wird genau das eintreten. Wenn ich jedoch Angst davor habe, zu versagen, und diese Angst bringt mehr Energie auf als meine Liebe zum Spiel, dann wird sie auch über die Liebe siegen und sich auf ’negative‘ Weise realisieren. Wie kann ich dieses Verhältnis ändern? Ganz einfach: indem ich die überflüssigen Ängste in Liebe umwandle.


6 Gedanken zu „Fußball und Psyche

Schreibe einen Kommentar